Impressum

[DSM] Die Museumsflotte Alter Hafen des Deutschen Schiffahrtsmuseums: Maritimer Luxus und authentische Schiffbau-Forschung

Er ist „ein städtebaulicher Schatz. Das authentische Erlebnis von Schifffahrt. Mit unserer Flotte haben wir in Europa ein Alleinstellungsmerkmal. Das leistet sich sonst keiner mehr.“ Dr. Ursula Warnke ist stolz auf die Museumsflotte Alter Hafen des Nationalmuseums DSM Deutsches Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven. Aber in Lob und Stolz der Museumsdirektorin klingen auch Zweifel mit, ob man sich den Luxus einer schwimmenden Flotte auf Dauer überhaupt noch leisten kann. Die sieben Originalschiffe im Alten Hafen sind ständige teure Pflegefälle. Wenn die Bark „Seute Deern“ 2011 zur Reparatur im Dock fällig ist, rechnet das DSM-Direktorium allein mit Kosten von über einer Million Euro. Ursula Warnke: „Wir müssen uns was Neues überlegen.“
Aber was? Sieben wertvolle Schiffe im Hafen, drei an Land und weitere 41 Originalschiffe vom Boot bis zum Rettungskreuzer und der Original Hansekogge von 1380 im Museum stehen nicht nur für sich selber, sondern beschreiben auch das Risiko und den historischen Wert von Europas größter Sammlung von Originalschiffen. Deshalb sind Überlegungen, ob man nicht Teile der schwimmenden Flotte besser trocken legen sollte, „damit man auch die interessanten Unterwasserschiffe sehen kann“, eher Planspiele; denn auch die beiden Direktoren Prof. Dr. Lars U. Scholl und Dr. Ursula Warnke wissen, dass die Flotte vor dem Museum einen hohen Identifikationswert hat, weil „Schiffe gucken“ zu allen Zeiten ein besonderes Erlebnis für Besucher in einer großen Seehafenstadt war und ist.
„Wir leisten mit unserer Flotte im Alten Hafen einen wichtigen touristischen Beitrag für Bremerhaven“, erinnert Ursula Warnke; denn die Flotte liegt in einem städtischen Hafen mit fast 10.000 qm Wasserfläche und ist eine wertvolle Visitenkarte der Stadt Bremerhaven im neuen Tourismusresort „Havenwelten“. Die Stadt Bremerhaven selber ist mit der Bundesrepublik Deutschland und dem Bundesland Bremen einer der drei Stifter des DSM. Und mehr noch: Die Bark „Seute Deern“ – weltweit der einzige und größte hölzerne Rahsegler – war ein Stiftungsgeschenk der Stadt an das Nationalmuseum.
Die fast 76 Meter lange Bark, die 1919 als Schoner in den USA gebaut und 1938 in Hamburg zum Rahsegler umgeriggt wurde, ist zwar zu einem maritimen Wahrzeichen der Stadt und des Museums geworden, aber auch bei allem Stolz zu einer Bürde. Seit Ende des Krieges rettete sich die „Seute Deern“ von Pleite zu Pleite, kam über Travemünde, Hamburg und Delfzijl nach Emden und zuletzt 1966 als Restaurant-Schiff nach Bremerhaven, wo es praktisch den Museumshafen Alter Hafen begründete noch bevor es das DSM gab.
Die Stadt stieg als Retter in das ewig finanziell Not leidende Schiff ein, vermachte es dem Museum und investierte zuvor kräftig in den maroden Rahsegler, der nach wie vor zu den beliebtesten „Wallfahrtsorten“ für Schiffsliebhaber gehört. Nun ist die Zeit wieder gekommen: Die „Seute Deern“ muss ins Dock. „Wo das UV-Licht durch Reflektion im Wasser auf Holz trifft, haben wir die gravierendsten Schäden“, erinnert Technikchef Jörg Geier. Da hilft auch das Kupferband rund um den Holzrumpf nicht viel. „Wir müssen uns was überlegen“, zieht Ursula Warnke Bilanz. „Wichtig ist jetzt vor allem, das Neue anzupacken. Der gerade vom Verwaltungsrat beschlossene Masterplan für das Museum mit einem Investitionsvolumen von 100 Millionen Euro trägt in die Zukunft.“ Und in dieser Zukunft sieht sie auch zumindest eine Teillösung für die Museumsflotte.
Denn die „Seute Deern“ samt beliebtem Restaurant im Laderaum ist zwar ein Imageträger für das Nationalmuseum, aber nur ein Teil des schwimmenden Problems. Da gibt es noch das Feuerschiff „Elbe 3“ (44 Meter lang) aus dem Jahre 1909, das seit 1967 im Alten Hafen zuhause ist und ebenfalls dem Museum gehört. Seit fast drei Jahren mühen sich die Techniker und Schiffbauer des Deutschen Schiffahrtsmuseums, das zwar attraktive, aber marode Schiff wieder präsentabel zu machen. Jetzt sieht Jörg Geier endlich die Ziellinie.
Aber auch der Walfang-Dampfer „Rau IX“ (46,11 Meter lang) aus dem Jahre 1939 gehört schon seit 1969 zu den Stars im Alten Hafen – sechs Jahre bevor das Deutsche Schiffahrtsmuseum öffnete. Ein Jahr später verholte der legendäre Hochsee-Bergungsschlepper „Seefalke“ (58,50 Meter lang) aus dem Jahre 1924 in das „Altersheim der Schiffsveteranen“. Und dann gibt es da noch den Oder-Haffkahn „Emma“ von 1928, den Binnenschlepper „Helmut“ von 1923 und die Nordische Jagt „Grönland“.
Die „Grönland“, mit der 1868 die erste deutsche Nordpolarexpedition aufbrach, ist allerdings auch der Beweis dafür, dass aktive Schiffe die beste Pflege für sich selber sind. Das mit 141 Jahren älteste deutsche Seeschiff (25,80 Meter lang, 315 qm Segelfläche) gehört dem DSM seit 1974 und wird von einer ehrenamtlichen Crew gepflegt und gesegelt.
Der Idealfall für museale Bewahrung von Schiffsexponaten im Original sind – zumindest aus finanzieller Sicht – Schiffe wie der Schlepper „Stier“ von 1954, das Betonschiff „Paul Kossel“ von 1920, das Tragflügelboot WSS 10 von 1953 oder die Hochsee-Rennyacht „Diva“ von 1985. Sie stehen an Land zwischen Museum und Hafen und beschreiben den Idealfall eines Original-Exponats aus Sicht des Museums: An Land lassen sich die Schiffe gut pflegen, man kann auch das Unterwasserschiff sehen und damit die ganz Größe des Exponats und seine Konstruktion.
Es ist eine stattliche und in ihrer Vielfalt attraktive und einmalige Flotte von Originalen, die praktisch die gesamte Spannbreite von Schiffbau und wichtige Teile von Schifffahrtsgeschichte zusammenfassen. Diese Spannbreite reicht von der Bremer Hansekogge von 1380 bis zur Rennyacht von 1985. Sie beinhaltet Schifffahrts- und Schiffbauforschung ebenso wie auch die authentische Darstellung und Bewahrung von Zeitzeugen der Schifffahrt. Und damit kommt das Nationalmuseum Deutsches Schiffahrtsmuseum auch dem Auftrag der Leibniz-Gemeinschaft und ihren Evaluierungsvorgaben nach. Wenngleich sich das Direktorium des DSM durchaus auch Gedanken darüber macht, ob denn auch alle finanziell aufwändigen Groß-Exponate im Museumshafen den wissenschaftlichen Anforderungen der strengen Evaluierungs-Kommission der Leibniz-Gemeinschaft im derzeitigen Zustand standhalten und im Sinne der des Nationalmuseums zukunftsfähig sind.
Mit dem Ausbau des Deutschen Schiffahrtsmuseums bis 2015, der Neugestaltung der Außenbereiche und Verknüpfung mit dem Resort „Havenwelten“ erhält auch dieser publikumsattraktive Bereich des Nationalmuseums eine neue Bedeutung und Wertung. Das löst zwar nicht die finanziellen und personellen Probleme der Pflege aller Schiffe, aber rückt das Deutsche Schiffahrtsmuseum wieder stärker in den Mittelpunkt des Interesses und damit – so hofft nicht nur das DSM-Direktorium – werden auch die Besucherzahlen wieder steigen. Erste positive Ergebnisse gibt es bereits.

Bild © DSM